Biografien

Hanife Terkivatan

„Ich nichts verstehen.“

Hanife Terkivatan lebt seit 1979 in Deutschland


Ich wurde 1949 in Kayseri geboren.

Mein Mann kam 1971 nach Deutschland, um bei der AG Weser-Werft in Bremen zu arbeiten. Das verdiente Geld schickte er zu uns in die Türkei. Damit wollten wir ein Haus bauen, denn mein Mann hatte vor, nach einiger Zeit in die Türkei zurückkehren, doch er entschied sich anders.

Da er in Bremen sehr gut verdiente, holte er uns nach neun Jahren der räumlichen Trennung zu sich nach Deutschland. Das Haus in der Türkei wurde nie verkauft, denn irgendwann wollten wir zurückkehren.

Wir hatten anfangs große Schwierigkeiten, denn wir beherrschten die deutsche Sprache nicht. Mit Hilfe unserer türkischen Nachbarn konnten wir uns einigermaßen zurechtfinden. Ich sagte damals zu allem ‚ja‘, doch irgendwann riet mir meine Nachbarin vorsichtiger zu sein, da dies schließlich zu Missverständnissen führen könne. Sie brachte mir den Satz „Ich nicht verstehen“ bei, den ich oft benutzte, bis ich die Sprache später richtig lernte.

Auf der Arbeit konnten wir uns schlecht verständigen und zeigten mit Händen und Füßen auf Gegenstände. Irgendwann wurde ich bei der Martini Kirche als Raumpflegerin angestellt, wo ich 19 Jahre lang arbeitete. Zum ersten Mal in meinem Leben betrat ich in Deutschland eine Kirche. Eines Tages kam ich zur Arbeit und in einem der Räume stand ein mit Blumen geschmückter Sarg. Als ich näher kam, bemerkte ich, dass eine Leiche darin lag. Vor Schreck schrie ich und rannte aus der Kirche. Der Pastor bemerkte es und kam zu mir,  hielt meine Hände und versuchte mich mit den Worten: „Habe keine Angst vor Toten, erschrecke dich vor lebendigen Menschen. Er schläft nur“, zu beruhigen. Seitdem habe ich keine Angst mehr vor Toten. Wenn ich so an die Geschichte denke, hat Deutschland mich auch  positive Dinge gelehrt.

Mein Mann arbeitete bis zur Schließung 1983 bei der AG Weser. Danach spielten wir für eine kurze Zeit mit dem Gedanken in die Türkei zurückzukehren. Inzwischen hatten sich die Kinder allerdings hier eingewöhnt, weshalb wir uns letztendlich doch entschieden in Deutschland zu bleiben.

Bei Bremer Vulkan fand mein Mann sofort Arbeit als Schweißer.

Die Kinder haben in Deutschland die Schulen besucht, eine Ausbildung gemacht und sich ihr Leben hier aufgebaut.

Heute bin ich 67 Jahre alt und in Rente. Zurück in die Türkei möchte ich nicht mehr, denn mein halbes Leben habe ich hier verbracht.

Wenn ich heute überlege, fühle ich mich in der Türkei fremder als in Deutschland.